Ein Bericht aus der Praxis


Unterricht mit Notebook, Webcam und Mikrofon

Mit Webcam ins Internet, sich online mit anderen austauschen, vernetzen, Kontakte knüpfen. Manchen beschleicht ein ungutes Gefühl, wenn er das in Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen bringt. Sofort denkt man an Gefahren, die das interaktive Internet – ganz modern „Web 2.0“ genannt – für Heranwachsende birgt: jugendgefährdende Inhalte und Kontakte, Onlinesucht, Gewalt, um nur wenige Schlagworte zu nennen.

Über eine ganz andere Seite dieser Möglichkeiten, die die Kommunikationstechnik uns heute bieten, soll hier berichtet werden, über die Chancen des interaktiven Internet für Menschen, die gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Die zwölfjährige Kathrin (Name wurde geändert) ist längerfristig erkrankt und kann daher den Unterricht an ihrer Schule, dem Hans-Sachs-Gymnasium in Nürnberg, nicht besuchen. Zwischen längeren Klinikaufenthalten an der Cnopf’schen Kinderklinik in Nürnberg ist sie auch immer wieder zu Hause. An der Klinik wird sie von Lehrkräften der Schule für Kranke unterrichtet, zu Hause erhält sie stundenweise Hausunterricht.

Irgendwann äußerte Kathrin den Wunsch, auch mal wieder mit ihrer Klasse Verbindung aufzunehmen, etwas mitzubekommen vom Unterricht und ihren Mitschülern an ihrer Stammschule, zu denen sie seit ihrer Erkrankung nur brieflichen Kontakt hatte.

Ihr Vater hörte von den Möglichkeiten von Videokonferenzen z. B. via SKYPE. Kathrins Eltern setzten sich mit dem Lehrer der Schule für Kranke und Ihrem Klassenlehrer am Hans-Sachs-Gymnasium in Verbindung. Beide Schulen zeigten sich sehr kooperativ. In Kathrins Klassenzimmer war ein Internetanschluss vorhanden. Die Eltern der anderen Schüler waren mit der Internetübertragung einverstanden. Auch an der Cnopf’sche Kinderklinik ist in allen Krankenzimmern der Zugang zum Internet möglich. Dank einer rührigen Elterninitiative sind dort auch einige Notebooks für die jungen Patienten vorhanden.

Jetzt stellte sich nur noch die Frage, wie der gesamte Unterricht übertragen werden könnte, denn SKYPE ist ja eigentlich nur für Videoübertragungen zwischen zwei Gesprächspartnern konzipiert. Wie sollte es da gelingen, Wortbeiträge aus dem gesamten Klassenzimmer für Kathrin einigermaßen verständlich zu übertragen, endet doch die Übertragungskapazität eines Notebook-Mikrofons bei maximal zwei Metern Entfernung?

Dem Lehrer der Schule für Kranke gelang es, über Kooperationsgelder der Regierung von Mittelfranken ein sehr gutes Musiker-Mikrofon samt Stativ zu beschaffen und kurz vor Weihnachten am Gymnasium einzurichten.

An den Computer in Kathrins Stammklasse ist ein hochwertiges Mikrofon angeschlossen.


Mit Kathrin hatte er einen Zeitpunkt zur Zuschaltung vereinbart, was problemlos klappte. Gleich wurde getestet, ob Kathrin die Stimmen ihrer Mitschüler aus allen Ecken des Klassenzimmers verstehen kann. Kathrins Bild wurde per Beamer an die Wand projiziert und ihre Wortbeiträge per PC-Lautsprecher verstärkt.

Seitdem wird der Unterricht aus Kathrins Klasse am Hans-Sachs-Gymnasium in einigen Kernfächern regelmäßig für das Mädchen übertragen – sofern es dessen Gesundheitszustand erlaubt. Kathrin hört zu, meldet sich vereinzelt zu Wort oder schreibt auch mal ein Diktat mit. Vor allem in den Fremdsprachen ist dies für die Schülerin eine große Hilfe, um den Anschluss an den Unterricht am Gymnasium nicht ganz zu verlieren. Ganz wichtig ist aber auch der Kontakt zu ihren Mitschülern, denn der Computer bleibt in den Zwischenstunden eingeschaltet, sodass Kathrin mit einigen Kindern auch ganz ungezwungen sprechen kann. Die Stunden, die übertragen werden sollen, sind nach einem Plan genau festgelegt, an einem Tag nimmt Kathrin bis zu fünf Schulstunden lang am Unterricht teil! Kurzfristige Änderungen werden zwischen Kathrins Eltern und der Schule abgesprochen, so dass sich die Lehrkräfte am Gymnasium auch in ihren Methoden darauf einstellen können, wenn Kathrin zugeschaltet wird.

Nach einem festen Stundenplan klinkt sich Kathrin in den Unterricht ein.


Anfangs war Kathrin etwas verunsichert, als sie merkte, dass ihr Bild an die Wand des Klassenzimmers projiziert wurde. Jetzt macht sie ab und zu von der Möglichkeit der Übertragung eines Standbildes Gebrauch, wenn sie nicht live gezeigt werden möchte. Die Kamera im Klassenzimmer ist immer auf die Tafel gerichtet.

Kathrin sieht an ihrem Notebook nur die Lehrkraft und die Tafel.


Das ist für die Teilnahme am Unterricht sehr sinnvoll, jedoch kann Kathrin ihre Mitschüler während der Übertragung kaum sehen. Hier wäre der Einsatz einer durch Kathrin steuerbaren IP-Kamera sinnvoll, doch das ist wegen des hohen technischen Aufwands noch Zukunftsmusik.

Mittlerweile - ein halbes Jahr später - ist Kathrin in ihre Klasse zurück gekehrt. Der Umgang mit ihren Mitschülern hat sich schnell wieder eingespielt. Ihr Lehrer meint, dank des virtuellen Unterrichts war Kathrin für ihre Mitschüler eigentlich nie ganz fort.

Das gesamte Projekt steht im Kontext des „Virtuellen Krankenhausunterrichts", der momentan an vielen Krankenhausschulen erprobt wird: längerfristig erkrankten Schülern soll damit neben dem Unterricht vor Ort an den Kliniken über internetbasierte Videokonferenzen die Möglichkeit geboten werden, den Anschluss an den Unterricht ihrer Stammschule zu halten. Dabei wird den erkrankten Schülern zum einen Video-Unterricht in speziellen Fächern geboten, der von der Schule für Kranke nicht abgedeckt werden kann, zum anderen können Schüler - wie beim dargestellten Projekt - direkten Kontakt zu ihrer Heimatschule herstellen, was jedoch mit einem höheren technischen Aufwand verbunden ist.

Weitere Informationen hierzu: www.schule-fuer-kranke-nuernberg-fuerth.de/VKU

Johannes Schiller